Brief: "Der Augenblick"

Es gibt eine Beobachtung, die weit auseinander liegende Menschen unabhängig voneinander gemacht haben. Sie standen in verschiedenen Jahrhunderten, sprachen verschiedene Sprachen, wussten nichts voneinander. Beschrieben haben sie dasselbe.


Der Augenblick ist kein Stück Zeit. Er ist keine Sekunde und kein Bruchteil, nichts, was sich messen ließe. Kierkegaard nannte ihn die Stelle, an der Zeit und Ewigkeit sich berühren — eine Öffnung im Verlauf, nicht ein Abschnitt darin. Das erklärt, warum er sich nicht verlängern lässt. Wer versucht, in ihm zu bleiben, ist bereits wieder in der Zeit und sucht etwas, das dort nicht liegt.


Erreichen lässt er sich ohnehin nicht. Er beginnt, wenn das Wollen nachlässt. Schopenhauer beschrieb, wie beim Betrachten eines Baumes oder einer Wolke das Begehren für kurze Zeit schweigt und jemand übrig bleibt, der wahrnimmt, ohne etwas zu wollen. Das ist keine Übung, sondern ein Wegfallen. Solange etwas erreicht werden soll, auch die Ruhe selbst, ist das Wollen noch am Werk. Es hilft nichts, sich zu bemühen — das Bemühen ist das Hindernis.


Und der Zustand ist nichts, was am Ende einer Entwicklung steht. Bei Laozi liegt die Wurzel hinten, nicht vorn: Was still wird, kommt nicht an ein Ziel, sondern zurück. Dōgen widersprach ausdrücklich der Annahme, das Stillsitzen sei ein Mittel, um irgendwohin zu gelangen — es ist kein Weg zu einem Zustand, es ist der Zustand. Also gibt es kein Später, in dem sich etwas einlöst. Nur diesen Moment, der nichts hervorbringen muss.


Was in ihm geschieht, ist schwer zu beschreiben, weil es so wenig ist. Zhuangzi verglich den Geist des Wachen mit einem Spiegel: Ein Spiegel läuft nichts nach und hält nichts fest. Er verzerrt nicht, weil er nichts will. Was vor ihm steht, erscheint; was geht, geht. Wer so schaut, sammelt nichts ein — und ist gerade deshalb genau.


Die Stille, von der hier die Rede ist, ist nicht die Abwesenheit von Lärm. Bashō schrieb über einen alten Teich, in den ein Frosch springt: Das Wasser klingt, und erst dadurch hört man, wie still es vorher war. Es braucht das Geräusch, damit die Stille bemerkbar wird. Wer auf einen ungestörten Ort wartet, wartet vergeblich und am falschen Punkt.


Erzwingen lässt sich das nicht. Rilke schrieb immer wieder über Geduld — darüber, dass nichts sich drängen lässt, was reifen muss. In einem seiner Gedichte steht ein Mensch vor einem Stück Stein, das ihn ansieht, bis er weiß, dass sein Leben nicht so bleiben kann. Nicht, weil der Stein gesprochen hätte, sondern weil er lange genug hingesehen hat. Tagore beschrieb dasselbe als Warten: Wer wartet, ohne zu verlangen, ist nicht untätig.


Nietzsche stellte für all das ein Bild auf, an dem sich die Linien treffen. In Zarathustra steht ein Tor, und über dem Tor steht ein Name: Augenblick. Von ihm laufen zwei Wege in entgegengesetzte Richtungen, unendlich lang, und sie treffen sich hier — an dieser Stelle, in dieser Sekunde. Alles, was war, führt hierher. Alles, was kommt, beginnt hier. Es gibt keinen anderen Ort, an dem überhaupt jemand ist.


Was bleibt, sind wenige Sätze. Der Augenblick lässt sich nicht verlängern. Er beginnt, wenn das Wollen nachlässt. Er ist kein Ergebnis, sondern etwas, das immer schon da war. Er verlangt keine Begabung, keine Zeit, keinen ruhigen Ort.


Keiner dieser Menschen gab eine Anleitung. Alle beschrieben nur, was sie gesehen haben.

 

Der Blick nach innen beginnt im Augenblick.


— KERNGOLD